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Buchcover Neuartiges Forschungsprojekt entdeckt in vielen Religionen und Kulturen Berichte von Stimmen „aus dem Jenseits“

Nicht nur Stoff für Fantasy-Filme: Mit „Stimmen aus dem Jenseits“ haben sich nach wissenschaftlicher Erkenntnis Menschen seit der Antike bis heute in verschiedensten Kunstwerken befasst. „Ob Texte oder Bilder, Radio oder Filme: Viele Werke lassen erkennen, dass Menschen verschiedener Epochen und Religionen Stimmen hören, die sie als göttlich auffassen. Sie sprechen auch zu Geistwesen, etwa beim Austreiben von Dämonen. So verbinden sich Diesseits und Jenseits“, sagt die Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Martina Wagner-Egelhaaf vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni Münster. In einem neuartigen Forschungsprojekt hat sie mit Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen das Medium „Stimme“ in Hinduismus, Christentum, Islam und weiteren Religionen untersucht. Die Ergebnisse der Gruppe sind jüngst unter dem Titel „Stimmen aus dem Jenseits / Voices from Beyond“ in einem multimedialen Werk im Ergon-Verlag in der Reihe „Religion und Politik“ erschienen, die der Exzellenzcluster herausgibt.

Der Band enthält neben den deutsch- und englischsprachigen Beiträgen der Projektbeteiligten auch die Quellen, die sie untersuchen: Texte und Bilder sowie Audios und Videos auf einer beigelegten DVD. „Denn ein Buch über die Stimme muss auch sprechen können“, sagt Martina Wagner-Egelhaaf. „Das Buch ist vielstimmig: Die Beiträge sind aus der Sicht unterschiedlicher Fächer geschrieben und werden aus der Perspektive anderer Fächer kommentiert.“ Die Quellen reichen vom Konversionsbericht des Augustinus über historische Trauerrituale australischer Aborigines bis zum Hörspiel „Die Zikaden“ von Ingeborg Bachmann, das nun mit NDR-Genehmigung nach Jahren wieder zugänglich ist.

Menschliche und körperlose Stimmen

„Die Stimme ist ein besonders komplexes Medium: Wegen ihrer flüchtigen Materialität und Ortlosigkeit lässt sie sich kaum dingfest machen“, erläutert Prof. Wagner-Egelhaaf, „sie scheint sich dem diskursiven Zugriff zu entziehen.“ Die Forscherin hat an dem interdisziplinären Projekt mit einer Gruppe aus Religions- und Literaturwissenschaftlern, Ethnologen, Theologen, Historikern und Soziologen zusammengearbeitet. Die Gruppe fand in den zahlreichen Quellen sowohl menschliche Stimmen, die sich während religiöser Vollzüge erheben, als auch körperlose, nur gehörte Stimmen, die von außen auf den Hörer zukommen und oft Göttern oder Geistern zugesprochen werden. Dazu gehört die Stimme, die Augustinus in seinem Konversionsbericht zur Bibellektüre auffordert. Auch die Idee, dass heilige Texte göttlich offenbart werden, basiert auf der Vorstellung einer Stimme, die der Schreiber hört: Die christliche Kunstgeschichte stellt das etwa als Szene zwischen Engel und Evangelist dar. Martina Wagner-Egelhaaf: „Aber auch ‚innere Stimmen‘ werden als Verbindung des Menschen zu einer göttlichen Sphäre angesehen, wie in der Vorstellung einer ‚voice of the inner light‘, die die Gruppe der Quäker im 17. Jahrhundert in England entwickelte.“

Religiöse Klanglandschaft

Wie menschliche Stimmen in religiösen Ritualen wirken, zeigt der Band anhand von Videoaufnahmen aus dem muslimischen Sufi-Heiligtum Bava Gor in Indien: Pilger, die an Formen von Besessenheit leiden, bringen die quälenden dämonischen Geister in Dialog mit den Geistern von Heiligen – mit Hilfe ihrer eigenen menschlichen Stimme. Die Macht der Geister soll so die Dämonen besiegen, wie die Ethnologin Prof. Dr. Helene Basu erläutert. Predigtveranstaltungen des hinduistischen Gurus Morari Bapu stellen die Forscher als „religiöse Klanglandschaft“ („soundscape“) vor, in der das religiöse Gemeinschaftsgefühl und das Erleben des Einzelnen nicht durch Augen-, sondern Ohren-Kontakt („ear-based social relation“) entstehen.

In verschiedenen Religionen verschränken sich bisweilen menschliche Stimmen mit jenen aus dem Jenseits. „Lehrgespräche zwischen einem hinduistischen Guru und seinen Schülern stellen eine Verbindung von Mensch zu Mensch her, zugleich gilt das Gelehrte als ursprünglich göttlich“, sagt die Religionswissenschaftlerin Prof. Dr. Annette Wilke. „Die religiöse Gruppe der ‚Chinmaya Mission‘ sieht diese stete Wissensweitergabe als Abbild der Flussgöttin Gaṅgā, als einen fließenden Strom von Stimmen erleuchteter Meister.“ Eine Verschränkung jenseitiger und diesseitiger Stimmen zeigt sich auch in einem Bekehrungsbericht des 19. Jahrhunderts: Worte, die ein sächsischer Schulmeister, der durch die USA reiste, zunächst innerlich vernahm, brachten ihn erst zur Konversion zum Mormonentum, als später ein Missionar eben diese Worte aussprach.

Metaphysischer Stellenwert von Radiostimmen

Einige Beiträge des Buches blicken über die Weltreligionen hinaus. Am Beispiel von Radiostimmen und dem Hörspiel „Die Zikaden“ von Ingeborg Bachmann wird dargestellt, wie Stimmen, deren Ursprung nicht erkennbar ist, auch außerhalb der Weltreligionen mitunter ein metaphysischer Stellenwert und eine besondere Autorität zugeschrieben werden. Medienwissenschaftler sehen so eine „besondere Affinität des Radios zu metaphysischen Stoffen“.

Das Buch-Projekt ist am Exzellenzcluster aus der Arbeitsgruppe „Säkularisierung und Sakralisierung der Medien“ im Rahmen des Forschungsfeldes „Medialität“ hervorgegangen. Autorinnen und Autoren sind die Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Martina Wagner-Egelhaaf und PD Dr. Christian Sieg, die Religionswissenschaftlerin Prof. Dr. Annette Wilke, der katholische Theologe Prof. Dr. Reinhard Hoeps, die Ethnologinnen Prof. Dr. Helene Basu und Mrinal Pande, die Historiker PD Dr. Klaus Große Kracht, Dr. Felicity Jensz und Simon Rapple sowie die Soziologin Silke Müller. Sie reflektieren in dem Band auch die Chancen und Grenzen interdisziplinärer Zusammenarbeit. (ill/vvm)
Quelle: Exzellenzcluster „Religion und Politik“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

Hinweis:
Wagner-Egelhaaf, Martina (Hg.): Stimmen aus dem Jenseits / Voices from Beyond. Ein interdisziplinäres Projekt / An Interdisciplinary Project (Religion und Politik, Bd. 14), Würzburg: Ergon-Verlag 2017, 318 S., 27 Abb., DVD, ISBN 978-3-95650-262-0, 58,00 Euro.

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